2. Eintrag – Britta Teil 1

Britta

war als Kind so arm, sie wohnte weder nebenan noch im gleichen Viertel wie es junge Väter mit kleinen Familien damals taten. Britta wuchs im achten Stock in einer Siedlung auf, über die, wenn überhaupt, nur kurz und heftig gesprochen wurde und dann mit Abscheu oder Mitleid. Manche zeigten echtes Mitgefühl, aber die hatten dafür auch eine vierjährige Ausbildung gemacht. Sie kamen zum Arbeiten zu Britta und nicht, weil sie sich mit ihr zum Spaß verabreden wollten.

Heute ist Britta 38 Jahre alt und einen Level aufgestiegen. Sie wohnt nicht mehr im Viertel ihrer Kindheit, in der Stadt, sie wohnt jetzt in einem kleinen Sozialwohnungsviertel in einem Vorort am Rande der Stadt. Das macht einen Unterschied, denn es ist netter und weniger bedrohlich. Die Leute im Vorort sind so ausreichend mit sich selbst beschäftigt und zufrieden, dass sie keine Lust entwickeln, etwas anzuzünden oder jemanden zu schlagen. Sie bleiben unter sich, bauen kleine Überdachungen über ihre Terrassen und waschen ihre Autos. Sie verwirklichen Ideen in kleinen Projekten am Haus, experimentieren mit Halbtagsstellen, Familienmodellen und Hochbeeten, fliegen zweimal im Jahr in den Urlaub und sehen zugehörig aus.

Im kleinen Sozialwohnungsviertel bleiben sie auch unter sich, dafür ist es angelegt. Die Anwohnenden sehen fern und rauchen, reden miteinander und gucken herum. Fast niemand hat Arbeit, viele sind auch einfach alt. „Mal gucken“ ist andernorts ein Ausdruck für „Wir wissen noch nicht, was passiert, aber wir lassen uns überraschen.“ Im Sozialwohnungsviertel bedeutet es „Wir gucken in der Gegend herum“, denn Überraschungen gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

In Brittas kleinem deutschen Sozialwohnungsviertel gibt es einen Bäcker, einen Kiosk, eine Fahrschule, einen Schönheitssalon für Haare und Nägel, einen Baum, eine Hundewiese und eine Bushaltestelle mit Dach. Das alles nur für sie. Zweimal in der Stunde kommt der Bus, damit fahren manche runter in den Kern des Vorortes, damit sie entsprechend ihrer Schichtzugehörigkeit Apfelsaft, Bier, Schnaps und Toastbrot einkaufen können. Tabak gibt es am Kiosk vor der Haustür, dafür muss man nicht extra los. Aber es tut auch gut, mal rauszukommen. Manche dehnen ihre Einkäufe aus, gehen extra langsam, nehmen einen Bus später, um mehr Eindrücke zu erhalten. Sie wollen im Rahmen des Möglichen noch ein bisschen was erleben.

Britta fährt zweimal in der Woche mit dem Bus fünf Stationen weiter in den Ort und kauft ein. Sie holt dabei alles, was sie tragen kann und achtet darauf, auch an Obst zu denken. Bananen und Äpfel, sogar Bio gibt es beim Discounter. Sie schmeckt einen Unterschied, sagt Britta und das Gefühl ist auch ein anderes. Irgendwie gut, sie tut etwas für die Welt, sie geht ja kaputt unter den Menschen.

Britta auch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s