3. Eintrag – Britta Teil 2

Wenn sie

zurückfährt ist sie bepackt mit großen sperrigen Cornflakespackungen, Müsliriegeln, Bananen, Toilettenpapier, Joghurt, Sahnehering, Spülmittel, Schokoladentafeln, Weingummi, Lakritz, Tiefkühlpizza, Pommes, Mortadella, Chips, Popcorn, Taschentüchern und Kaugummi.

Sie fährt an der Schule vorbei, an Park- und Spielplätzen. Am Trinkbrunnen, an der Wohnung ihrer Freundin Katha, die gerade eine Fehlgeburt hatte und darum blutet und weint und schwer zu ertragen ist. Britta fährt mit dem Bus vorbei am kleinen Marktplatz und an der evangelischen Kirche, am Kleingartenverein, am Teich, am Friedhof, an der großen Wiese, die irgendwann Sand wird und dann Schotter. Schotter, Schotter.

Bis die ersten Garagen zu den Häusern des Sozialwohnungsviertels auftauchen. Sie stehen da wie von irgendwo heruntergefallen. Rechteckig und glatt, jetzt in diesem Moment werden sie von der Sonne beschienen. Sie sind entweder aufgeheizt oder vom Regen nass, niemals angenehm. Man soll Autos darin abstellen und schnell weggehen, sich nicht aufhalten. Autos werden hier nie gewaschen, sie werden nur verschlossen.

Britta steigt aus, in beiden Händen trägt sie Einkaufstaschen und auf dem Rücken einen gelben Rucksack, den sie seit 15 Jahren benutzt. Er wird irgendwann kaputtgehen und dann wird sie sich auf die Suche nach einem neuen Rucksack machen müssen, von dem sie hofft, dass er ebenso lange hält und auch, dass er eine andere Farbe hat.

Wenn sie unterwegs Pfandflaschen neben den Mülleimern stehen sieht, dann nimmt sie sie mit, da ist doch nichts dabei. „Haben oder nicht“, sagt sie dann manchmal laut zu sich und zu jenen, die sie noch ansehen.

Britta trägt ihren Einkauf drei Stockwerke hoch in ihre Wohnung. Diese besteht aus eineinhalb Zimmern, Kochnische und einem innenliegenden Badezimmer mit gekachelter Duschkabine. Vom Wohnbereich geht eine Tür zum Balkon ab, den darf allerdings niemand betreten, denn er ist baufällig und sowieso zu klein, egal, ist doch nicht so schlimm. Britta macht sich nichts aus Blumen.

Sie stellt die Einkaufstaschen und ihren Rucksack auf dem Küchentisch ab. Hunger.

Britta öffnet die Packung mit den Weingummis und isst einige davon. Hunger. Sie möchte raus, aber sie möchte sich auch an den Dingen erfreuen, die sie sich gekauft hat. Jetzt sofort und im Stehen, sie trägt noch ihre Jacke.

Britta schiebt ihren Daumen zwischen die miteinander verklebten Seiten des Pizzakartons und reißt ihn mit drei, vier kleinen Bewegungen auf. Sie holt die tiefgekühlte Pizza in ihrer Umverpackung aus der Schachtel und legt sie vor sich auf den Holztisch. Mit der linken Hand nimmt sie Weingummi nach, mit der rechten Hand greift sie nach der Schere und schneidet eine seesternförmige Öffnung in die Plastikverpackung. Hunger.

Sie entfernt die Hülle und besieht die Pizza mit dem durcheinandergewirbelten Belag. Britta nimmt eine Salamischeibe zwischen die Finger, sie hält sie waagerecht und legt darauf ein Stück Paprika ab. Sie mag es, wie gefrorene Paprika knirscht und wie leicht kalte Salami bricht, wenn sie mit der Zunge gegen den Gaumen gedrückt wird. In wenigen Minuten hat Britta die Pizza aufgegessen. Kalt, das ist okay, wenn man solchen Hunger hat.

Britta verstaut die Einkäufe, steckt sich Weingummi in die Jackentasche und verlässt ihre Wohnung. Runter zum Kiosk.

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