4. Eintrag – Kiosk

Vor dem Kiosk stehen

von der prallen Sonne beschienene Bistrotische, darauf Kaffeeweißer, Löffel im ausgespülten Senfglas, Flaschenöffner, Campingaschenbecher. Hier sind alle erstmal per du. Alle außer Fremde, die nur herkommen, um etwas abzugeben oder abzuholen, weil es ihnen gerade auf dem Weg so passt. Die gehören nicht dazu, die gehören nicht hierher. Was im Kiosk passiert, wissen wir noch nicht, erstmal eine rauchen.

Sigi sieht aus wie ein Mann, ist aber eine Frau. Sie raucht gerne und seit vierzig Jahren die gleiche Marke. Ihre Haare sind irgendwo zwischen grau und braun und alles, was Sigi am Körper trägt, ist ummantelt von einer Patina aus Nikotin, Schweiß, Öl und Staub. Sie hat einen Job irgendwo in einem Lager im Industriegebiet, sie kann anpacken, hat ein Kreuz wie ein Holzfäller und an Wochenenden hat sie Sex mit ihren Kollegen, die tierisch darauf abfahren, dass sie auf der Arbeit keinen BH trägt und darum am liebsten da schon über sie „drüber“ würden. Solche Worte und andere benutzen die Kollegen, wenn sie über Sigi sprechen. Selbst der Chef. So ist das, in seinem Betrieb sagt man auch „Du“ und „hat noch Humor“.

Ihr Kollege Volker wollte immer etwas mehr von Sigi, war regelrecht verschossen. Sie wollte aber nie etwas von ihm, seitdem komm er nicht mehr zum Kiosk und steht stattdessen am Bahnhof rum.

Ali ist auch jeden Tag am Kiosk. Er raucht nicht, steht aber gerne dabei, wenn andere das tun. Der Geruch erinnert ihn an seinen Opa, der fast hundert ist, und an die vielen Grillfeste im Schrebergarten, den seine Familie gemietet hat. Ali mag es, dass die Leute vom Kiosk gesprächig sind und obwohl sie jeden Tag über das gleiche reden, lassen sie es klingen, als wäre ständig was los. Ali ist klüger als die anderen, hat aber einen leichten Sprachfehler und darum fällt es niemandem auf. Er darf also Du zu allen sagen.

Wenn Britta kommt, lacht er und sagt „Check, Britti“ und hält ihr die Faust hin. Sie stemmt einen Arm in die Hüfte, dabei fühlt sie in der Jackentasche das langsam weicher werdende Weingummi.

Britta, Ali und Sigi stehen am Bistrotisch und gucken zur Straße.

Jochen kommt Brust voran aus seinem Kiosk, sagt „Moin“ und bringt drei Pötte Kaffee. Er weiß, was seine Kunden wollen.

Britta, Ali und Sigi: „Hi, Jochen“, „Hi“, „Na“. Damit wäre erstmal alles gesagt.

Jochen stellt die Becher ab, dreht sich um und geht zurück, um wenige Sekunden später mit seinem Becher und einer Schachtel Zigaretten zurückzukommen. Eine einzelne Zigarette reicht nicht, wer weiß, wie lange er hier stehen wird. Sein Becher ist dunkelblau, vor zwanzig Jahren trug sie mal ein Motiv, das vom vielen Spülen längst verblasst ist. Und am Henkel ist die Keramikglasur abgeplatzt. Inzwischen wäscht Jochen den Becher schon nicht mehr aus, vielmehr ist es so, dass er permanent mit Kaffee befüllt ist, so dass die Notwenigkeit des Saubermachens gar nicht sichtbar wird.

„Na“, Jochen gesellt sich zu den dreien.

„Na, was is los?“, Sigi schiebt ihre Hände in die Hosentaschen, während sie Jochen ansieht, wie sie jeden Menschen ansieht, mit dem sie ihre Zeit nur deswegen verbringt, weil es sich so ergibt.

„Joa, läuft ne. Lieferung kam heut später, darum hatte ich jetzt mehr zu tun, aber jetzt ist auch gut.“

 „Steckst nicht drin, wenn auf den Straßen alles voll ist“, Sigi schaut knapp an Jochen vorbei und beobachtet, wie ein Automatenauffüller mit seinem Transporter auf dem Parkplatz herumrangiert.

„Ja, kannst nix machen.“

„Nee.“

„Ich bin mal gefahren“, sagt Ali. „Es war nicht leicht, zu viel los auf den Straßen. Früher auch schon, aber heute ist es schlimmer.“

Jochen zündet sich eine Zigarette an, zieht an ihr, inhaliert, hält den Rauch im Körper, atmet alles in einem Schwall aus. Nun brechen Worte aus ihm hervor. „Es wird alles immer mehr, die Leute wollen ja auch immer mehr. Sie wollen es ja so. Sie bestellen alles im Internet und dann müssen die LKW die ganze Nacht fahren. Von überall her, auch aus dem Ausland, die kommen aus Rumänien und Griechenland, Spanien, Polen, von überall.“

Am Tisch nicken sie. Britta zündet sich eine Zigarette an, die mit Phantasie nach Eisbonbons schmeckt und lässt den Rauch langsam aus dem Mund entweichen. Dafür öffnet sie vorsichtig die Lippen, hält den Qualm kurz noch etwas zurück, für sie ist das ein Spiel, und lässt ihn von allein den Weg hinausfinden. Er steigt aus ihr empor wie aus einem dieser Zimmerbrunnen aus milchigem Glas. Brittas Haare sind Farne, ihre Augen Zierstein. Auf einem Bein balancierend versucht sie, Spaß zu haben und es gelingt ihr.

„So, muss los“, Sigi klopft auf den Tisch und geht zu ihrem Fiat.

Um die Ecke kommt ein junger Mann gegangen, lang und große Füße. Er trägt ein Päckchen unter dem Arm.

„Muss rein“, sagt Jochen und legt seine Zigarette in die Mulde am Aschenbecher.

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