5. Eintrag – Matthias

Matthias

ist 23 und will nichts Böses.

Er sammelt Caps und Schuhe, er findet Schallplatten toll. Er ist schlank. Möglicherweise ein bisschen zu schlank, zumindest sagen das manche ältere Frauen aus seinem Umfeld, die es gerne sehen, wenn sich andere den Bauch vollschlagen und zunehmen. Auch einige Männer denken so über Matthias. Vorwiegend jene, die Scherzshirts tragen, die mit Sprüchen, oft „pfiffige“, auf den eigenen Bauch verweisen und damit ohne große Gespräche führen zu müssen andeuten, dass sie mit sich im Reinen sind.

Matthias‘ Haar ist dunkelblond, beim Autofahren trägt er eine Brille mit ironischem Gestell. Er mimt seinen Vater nach, wenn er sie trägt und alle können zusammen darüber lachen, denn man hat sich lieb.

Matthias hat einen besten Freund, Niko, seit Kindertagen und schon ihre Mütter waren, weit bevor es die beiden Jungen gab, befreundet miteinander. Matthias hat ein solides Abitur geschrieben, manchmal war er faul, aber die Lehrer mochten ihn, denn Matthias ist so ruhig und nett. Immer so ruhig und nett, dass die Leute sich fragen „Wie macht er das bloß?“ und sich vornehmen, mehr wie Matthias zu sein. Der nette Matthias mit seinen Mützen und dem alten Auto von seinem Opa.

„Hi, ich möchte ein Päckchen verschicken“, sagt Matthias zu Jochen, der nun hinter seiner Verkaufstheke steht.

„Da biste hier richtig“, sagt Jochen und greift schon danach. „Macht 4,50.“

„Ich muss mit Karte zahlen, geht das?“

„Nee.“

„Äh, oh“, stammelt Matthias.

„Ja nee, Junge, ist schon okay. Ist nur schlecht für mich, fürs Geschäft, kostet nämlich auf langer Strecke und das summiert sich.“

„Oh, ja äh, sorry dann. Ich denk nächstes Mal dran.“ Matthias Augen sind zu Hundeaugen geworden.

„Ich sag nur, ne? Aber gut.“ Jochen verstaut das Päckchen in einem Wäschekorb hinter der Theke.

„Okay ja, danke. Tschüss.“ Matthias dreht sich um und verlässt den Kiosk.

Eventuell hat Matthias eine Freundin, weder er noch sonst jemand weiß das so genau. Vielleicht ist es Anni aus Kiel, vielleicht aber auch nicht. Er hat sich Mühe gegeben und ein Care-Paket für sie zusammengestellt, das ihr helfen soll. Er weiß nicht ganz genau, wobei, aber er stellt sich vor, dass es ihr gerade womöglich nicht so gut geht. Der letzte Versuch, sie zu erobern.

Vor ein paar Wochen waren er und seine Freunde auf dem Stadtfest, um sich auf der Indie-Bühne eine Band anzusehen, die eine Mischung aus Hip Hop und Lounge macht. Luke war betrunken, Steffie und Sven waren verliebt, Matthias und Niko waren high.

Anni kam am Bierstand dazu, wo sie einander erst kurz und später, beim zweiten Bier, länger in die Augen sahen und dabei ineinander etwas erkannten, das sie heute Abend suchten. Durch einen klebrigen Vorhang aus Musik und Bier trat sie in sein Leben. Unter kamillegelben Haaren lugten ihre Augen wie Pfannkuchen durch die Gläser einer großen Brille. Die Brille war ein weiterer Grund, weswegen die beiden sich näherkamen. Anni prostete ihm zu, Matthias prostete zurück. Zwei Stunden und achtundvierzig Minuten später stehen sie vor Matthias‘ Wohnung.

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