6. Eintrag – Matthias Teil 2 (in seiner Wohnung)

Matthias Wohnung

Er kramt in seinem Rucksack nach dem Haustürschlüssel, er ist froh, dass er heute erst geputzt hat – einmal alles richtig. Seine Wohnung ist immer aufgeräumt, er musste schon früh zu Hause mithelfen und seitdem er eine eigene Wohnung hat, hat er verschiedene Aufräumsysteme zur Dokumentation seiner Putzerei erprobt. Momentan ist er mit einem Putzplan in Listenform sehr zufrieden. Jeden Tag alles was rumliegt wieder an den Platz zurücklegen, alle drei Tage saugen, einmal in der Woche wischen, alle eineinhalb Wochen einmal alles richtig. So hat er das von seiner Mutter gelernt und die von ihrer Mutter und die sicherlich von ihrer und so weiter. Matthias sieht nicht ein, warum er damit aufhören sollte, nur weil er ein Mann ist.

Er findet den Schlüssel, schiebt ihn ins Schloss. Halt, er sieht Anni in die Augen, will sie wirklich mit rein? Ist da ein Funken Zweifel? Wenn ja, dann kann er das unmöglich tun, er will sie zu nichts zwingen, er will nicht so jemand sein. Sie zieht die Augenbrauen hoch, ihre wilden Augenbrauen, und schiebt die Zungenspitze zwischen ihren Lippen hindurch, als würde sie sich konzentrieren wie ein Kind beim Malen.

„Können wir nicht rein?“ fragt sie.

Er dreht den Schlüssel um.

„Doch“ und er lächelt sie an.

Er lässt sie vor, fasst um den Türrahmen herum und tastet nach dem Lichtschalter, klick. Sie ziehen sich die Schuhe aus, reden nicht.

„Möchtest du was trinken?“ fragt er.

„Ja, gerne.“

Sie gehen in die Küche, es gibt Wasser aus der Sprudelmaschine. An den Wänden hängen Postkarten aus Urlauben und aus Kneipen. Anni sieht sich um, sie fühlt sich hier nicht wohl, sie möchte raus aus der Küche, ihr Zentrum ist ein anderes. Sie sieht Matthias an. „Führst du mich rum?“ Sie stehen auf, Matthias zeigt auf eine verschlossene Tür, dahinter liegt das Badezimmer. Dort ist das Wohnzimmer mit Schlafnische. Alles hier ist ordentlich sortiert. Gäbe es Minimalismus nicht als einen Trend, der das hier rechtfertigt, so wäre dieser Ort spartanisch eingerichtet. Eine Mischung aus klösterlich-hellem Buchenmobiliar und IKEA, eine beige Couch mit beigen Kissen wächst aus der Mitte des Raumes und macht ihn zu einem Meer, das man durchqueren muss, um zur Ruhe zu kommen. Dorthin, wo der Ottomane Feierabend andeutet. Das Bett ist off-white, der Boden naturgrau, die Vorhänge taupe.

Oh Gott, Anni schließt ihre Augen. „Lass uns das Licht ausschalten.“

Matthias ist irritiert. Hat er etwas falsch gemacht? Er weiß es nicht. „Ja, äh, ist alles ok?“

„Ja, ich bin nur ein bisschen betrunken. Das Licht macht mich fertig“, lügt sie und setzt sich auf die Bettkante, während Matthias das Licht ausschaltet.

Alles ist dunkel. Die Bettwäsche riecht nach Weichspüler, das Laken fühlt sich glatt und neu an. So wie Matthias und nicht wie Anni. Anni beschreibt sich selbst als etwas angehauen, jemand mit Sprung, aber durchaus ein Lieblingsstück, das man nicht loswerden will, weil das Herz daran hängt. Eine Tasse, die mal ein Geschenk zu einem Anlass war, aus der man aber schon nicht mehr trinkt, weil zu wenig reingeht und sie nicht zum eigenen Geschmack passt.

Matthias legt seine Hand auf Annis Schulter, sie umfasst seine Hüfte und zieht ihn zu sich auf das Bett. Nun liegen sie nebeneinander, können nur erahnen, wie sie aussehen, wenn sie sich ansehen, ob sie sich ansehen. Mit ihren Händen fährt Anni an Matthias‘ Seite entlang, von der Brust zum Bauch macht sein Körper einen leichten Knick, sie findet das sehr schön anzufassen und streichelt ein paar Mal von seiner Hüfte hinauf zu seinem Hals und wieder zurück. Matthias atmet bewusst gleichmäßig, er ist angespannt und will, dass es ihnen gut geht. Darum jetzt lieber nicht bewegen. Anni lehnt sich zu ihm und küsst ihn direkt auf den Mund. „Wow“, denkt Matthias und dann wird alles hell und dunkel gleichzeitig.

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